Die Petite Camargue Alsacienne
Ein einzigartiges Naturschutzgebiet
In den Auenwäldern des Rheins im südlichen Elsass zwischen Bartenheim, Rosenau, Village-Neuf, Huningue und Saint-Louis liegt ein kleines, aber eindrucksvolles Naturparadies, das als Renaturierungsmaßnahme die Vielfalt der Tier- und Pflanzenwelt in der Region schützen soll: die Petite Camargue Alsacienne (PCA). Das älteste Naturschutzgebiet des Elsass ist mit seiner eindrucksvollen Flora und Fauna auf fast 1.000 Hektar ein El Dorado für Wanderer, Naturfreunde und Fotografen und führt auch Kinder und Jugendliche hautnah an die Natur heran.
Besonders die Vogelwelt der Petite Camargue ist von internationaler Bedeutung, da sie ein wichtiger Rast- und Brutplatz für viele Zugvögel ist. Aber auch die zahlreichen Amphibien, Reptilien und Säugetiere tragen zur Artenvielfalt bei. Ein Besuch dieser einzigartigen Landschaft bietet auf verschiedenen Entdeckungspfaden und mit zahlreichen Aussichtspunkten und -hütten die Möglichkeit, viele dieser Tiere in ihrem natürlichen Lebensraum zu beobachten. Das angegliederte CINE Natur- und Umweltzentrum will das breite Publikum für die Umwelt sensibilisieren – hier können, neben dem Besuch von zwei Dauerausstellungen, geführte Touren über das Gelände gebucht werden.
Auch historisch Interessierte finden in der Petite Camargue durchaus Wissenswertes zu entdecken. Im Jahr 1852 wurde hier mit der Kaiserlichen Fischzucht von Hüningen nämlich von Kaiser Napoleon III. höchstpersönlich die erste industrielle Aufzucht von Atlantiklachsen gegründet. Sie lieferte Lachslaich für die Aussetzung an Flussläufen in der ganzen Welt und ist – mit einer längeren Unterbrechung seit dem Jahr 2000 – besonders bei der Wiederansiedlung des Atlantischen Lachses im Rhein wieder aktiv.
Fauna und Flora
Die Tierwelt der Petite Camargue ist äußerst vielseitig und reicht von 40 Libellen- über 174 Vogelarten, darunter Eisvogel, Schwarzmilan, Grauspecht, Mittelspecht und Zwergdommel bis hin zu 30 Säugetierarten wie u. a Nutria, Dachs, Reh und Wildschwein und mindestens fünf Fledermausarten. Auch Ringelnatter sowie Zaun- und Mauereidechse sind in der Petite Camargue heimisch. Schottische Hochlandrinder, Konik Pferde und Schafe beweiden die Riedflächen und tragen zu deren Pflege bei. Die Pflanzenwelt umfasst allein 17 Arten von Sauergrasgewächsen und 15 verschiedene
Orchideen sowie zahlreiche Pflanzen, die einen Schutzstatus genießen wie die Sibirische Schwertlilie, Prachtnelke, Berg-Aster und Sumpf-Gladiole.
Informationszentrum CINE –
Centre d’Initiation à la Nature et à l’Environnement
Das im Herzen der Petite Camargue gelegene Natur- und Umweltzentrum CINE möchte mit Aktivitäten sowie einem breiten Informations- und Bildungsangebot Kinder und Erwachsene für die natürliche und menschliche Umwelt sensibilisieren und jeden motivieren, respektvoll mit der Natur umzugehen. Geführte Ausflüge mit Umweltexperten und Vorträge werden angeboten. In den zwei Hallen der Kaiserlichen Fischzucht können Ausstellungen zur Geschichte des Rheins und der Lachszucht besucht werden. Die 150 m² große Ausstellung „Mémoire de Saumon“ zeigt Historisches, aber auch Aktuelles über Fischzucht und die Bedeutung der Lachszucht für den Rhein. Die Ausstellung „Mémoire du Rhin“ beschäftigt sich auf 400 m² mit der Entwicklung der Petite Camargue hin zur heutigen vielfältigen Natur- und Kulturlandschaft.
Die Fischzucht
La Pisciculture von 1853 bis heute
Die schönen Gebäude im Zentrum der Petite Camargue gehören zur Kaiserlichen Fischzucht, die sich heute vorwiegend mit der Rückkehr der Lachse in den Rhein beschäftigt. Die in Chaletbauweise erbauten Häuser wurden 1853 für die Kaiserliche Fischzuchtanstalt Hüningen errichtet, die ein Jahr zuvor von Kaiser Napoleon III. gegründet wurde und die die erste industrielle Fischzucht Europas war. Standortfaktoren wie die Nähe zum Rhein und die gute Wasserqualität spielten damals eine wichtige Rolle für diese Wahl.
Der zu der Zeit sehr fischreiche Rhein liefert die Fischeier, die zur Zucht benötigt wurden. Durch die Aufstauung des Rheins und besonders durch dessen Verschmutzung war es seit 1950 nicht mehr möglich, Lachse zu züchten. Die Umweltkatastrophe im Industriegebiet Schweizerhalle in Basel 1986 brachte dann ein Umdenken. 1973 erhielten Naturschützer das Nutzungsrecht für das Fischzuchtgebiet – der erste Schritt zum Erhalt der einmaligen Auenlandschaft der Petite Camargue war gelegt. Seit dem Jahr 2000 werden wieder Lachse gezüchtet – im Jahr 2017 waren es ca. 400.000 Stück, die zu drei Vierteln im Alt-Rhein in Frankreich ausgesetzt wurden.
Der Eisvogel – Juwel der Petite Camargue
Einer der Höhepunkte bei einem Besuch der Petite Camargue ist die Beobachtung des kleinen und scheuen, aber außerordentlich
farbenprächtigen Eisvogels. Mit seinem leuchtend blau-türkisfarbenen Gefieder – das je nach Lichteinfall unterschiedlich schimmert – und seinem langen, spitzen Schnabel ist er ein echtes Juwel der Petite Camargue und eine Freude für alle, die das Glück haben, ihn beobachten zu dürfen.
Der Eisvogel gilt als seltene und gefährdete Art. Seine Seltenheit liegt in seiner Lebensweise als Einzelgänger begründet und der Abhängigkeit von naturnahen Gewässern, die heute durch Gewässerverbauung, Verschmutzung und strengeWinter stark bedroht sind. Dort, wo dieser prächtige Vogel lebt, sind die Fließgewässer noch intakt!
Tipps zum Besuch
Für Natur- und Fotofreunde, die neben den immer zu beobachtenden Tieren wie verschiedene Enten- und Gänsearten, Reiher, Kormorane oder Nutrias auch die seltene und scheue Vogelwelt wie beispielsweise Eisvögel oder Rohrdommeln sehen möchten, bieten sich besonders die Werktage für einen Besuch an. Eindrucksvoll ist ein Besuch vor Sonnenaufgang oder auch im Winter. Besonders am Observatoire de l´étang U können Eisvögel beobachtet werden.
Ruhe und Geduld gehören aber dazu und warme Kleidung, heißer Tee sowie eine Kleinigkeit zu
essen verkürzen die Wartezeit. Den Abfall aber bitte wieder mitnehmen!
Dr. Andrea Kühne
Informationen
Die Petite Camargue ist das ganze Jahr für die Öffentlichkeit frei zugänglich.
Kontakt
CINE – Centre d’Initiation à la Nature et
à l’Environnement
www.petitecamarguealsacienne.com/de/
Anfahrt
Zug:
SNCF/TER Haltestelle Saint-Louis
la Chaussée/Neuweg
Fahrrad:
Radweg entlang des Hüninger
Kanals (Eurovelo 6)
Bus:
Distribus Linie 4 oder 5
Haltestelle Petite Camargue
Auto:
Autobahn A 35 Ausfahrt Bartenheim
Parkmöglichkeit am Stadion „Stade de
l’Au“ oder am Schleusenwärterhaus.
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Großprojekt Rheininsel
Mit dem Projekt Rheininsel (Île du Rhin), dem größten Naturschutzprojekt Mitteleuropas, hat die Petite Camargue seit 2013 eine beeindruckende Erweiterung bekommen. Mit der zehn Kilometer langen Insel zwischen dem Altrhein und dem Grand Canal d´Alsace (Rheinseitenkanal) ist ein neuer einzigartiger Naturraum entstanden, der auf verschiedenen Rundwegen erkundet werden kann. Viele Tiere und Pflanzen haben sich bereits angesiedelt. Seit einigen Jahren wird die Landschaft von Highland-Rindern, Konik-Pferden und Schafen beweidet.
Weitere Infos:
www.saintlouis-tourisme.fr/de/explorer-lile-du-rhin
Parkplatz am Stauwerk Kembs, Zugang über das Wehr
Titelbild März-Ausgabe
Ein Forschungsprojekt der Uni Basel untersuchte auf der 32 Hektar großen Insel, wie sich die Beweidung durch Konik Pferde und Hochlandrinder auf das Ökosystem und die Vogelwelt auswirkt. Mithilfe von Peilsendern und Bestandsaufnahmen analysierte Dr. Lilla Lovász (siehe Foto) im Rahmen ihrer Dissertation die langfristigen Veränderungen der Auenlandschaft. Obwohl das Forschungsprojekt abgeschlossen ist, erfüllen die Pferde und Rinder weiterhin ihre Rolle als „Ökosystemingenieure“ auf der Insel.
Der Lebensraum dieser Tiere auf der Rheininsel wurde eingezäunt und darf keinesfalls von Touristen betreten werden! Es handelt sich nicht um einen Streichelzoo sondern um frei lebende Tiere. Spezielle touristische Aussichtspunkte gewähren Einblicke in die Flora und Fauna.
Einige Ergebnisse des
Forschungsprojekts (EN):
https://doi.org/10.7717/peerj.17777
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