Trachten im Markgräflerland

Eine Brücke von der Tradition zur Moderne

Die Entwicklung der Trachten im Markgräflerland



Von der Vreneli-Mode zur Hörnerkappe

Sie ist Spiegelbild der regionalen Geschichte, beeinflusst von bäuerlichem Stolz, evangelischer Konfession, höfischer Mode des 18. Jahrhunderts und französischem Einfluss: Die Markgräfler Tracht. Sie ist über 300 Jahre alt und hat im Laufe der langen Historie eine bemerkenswerte Wandlung vollzogen. Aus einer regionalen Kleiderordnung des 18. Jahrhunderts entwickelte sich die Tracht zu einem prunkvollen Festgewand um 1900. Mit der markanten „Hörnerchappe“ (Hörnerkappe, Flügelhaube), dem seidenen „Schultertuech“ (Umschlagtuch) und dem Fürtuech (Schürze) der Frauentracht stand sie als zentrales Symbol für Verbundenheit und eine starke Identifikation mit dem Markgräflerland und seine evangelisch-pietistische Gemeinschaft. Diese schöne und identitätsstiftende Tradition wäre fast vollständig aus dem heutigen gesellschaftlichen Leben verschwunden, gäbe es nicht die Trachtenvereine und -gruppen wie beispielsweise den Markgräfler Trachtenverein Kandern und den Arbeitskreis Heimatpflege Auggen e.V., die sich mit viel Engagement der Brauchtumspflege aktiv widmen und die Traditionen in die Zukunft tragen – und das seit vielen
Jahren.

Ursprung „Vreneli-Tracht“
(18. Jahrhundert)

Die traditionelle Markgräfler Tracht gehört zu den markantesten und traditionsreichsten Volkstrachten im deutschen Südwesten. Die Wurzeln reichen bis in das 17. Jahrhundert zurück. Zunächst war die Kleidung der Landbevölkerung stark durch Kleiderordnungen reglementiert, die vorschrieben, welche Stoffe und Farben von Bauern getragen werden durften. Um 1760 etablierte sich die sogenannte „Vreneli-Tracht“, die nach dem Gedicht „Die Wiese“ (1803) des alemannischen Dichters Johann Peter Hebel bekannt wurde. Sie gilt als Vorläuferin der eigentlichen Markgräfler Tracht und entsprach in ihrer Silhouette der bürgerlichen Mode des ausgehenden Rokokos. Merkmale waren ein weiter, oft farbenfroher gefältelter Rock (Zwickelrock) mit Mieder und ein kleines, besticktes Käppchen, das sich im Laufe der Zeit wandelte. Wegen zu hohen Stoffverbrauchs wurde der Zwickelrock am 20. Juli 1765 per Verordnung verboten – das setzte sich aber nur langsam durch.

Der Wandel um 1800-1850: Französischer Einfluss

Nach der Französischen Revolution und dem Ende der Napoleonischen Zeit änderten sich die Modestile im Markgräflerland drastisch. Die strenge „Vreneli-Tracht“ wich einer bequemeren Mode. Die Taillenlinie wanderte nach oben, und die Kleider wurden insgesamt schlichter, der Stoffverbrauch geringer. In dieser Zeit begannen sich die „Hörner“ der berühmten Kopfbedeckung zu entwickeln. Die früher zierliche Schleife am Hinterkopf wurde immer größer und zu markanten, flügelartigen Gebilden geformt – dies war der Ursprung der „Hörnerchappe“ (Hörnerkappe).

Die Blütezeit: Die Markgräfler Tracht von 1880-1900

Die Tracht, wie sie heute oft als die „klassische“ Markgräfler Tracht dargestellt wird, erreichte ihre Vollendung in der Zeit von 1880 bis 1900. Sie war kein bloßes Arbeitsgewand, sondern eine stolze Festtagstracht, die besonders von evangelischen Frauen zu Kirchgang, Hochzeiten und Feiertagen getragen wurde. Die „Hörnerkappe“ – eine schwarze Haube mit großen, flügelartigen Schleifen aus seidener, samtener Machart wurde zu ihrem prägnantesten Merkmal. Als „architektonisches Kunstwerk“ aus Seide und Draht, spiegelte sie die Geschichte und den sozialen Status seiner Trägerin wider. Das Kleid war zum Teil farbig, für Hochzeiten, Karfreitag und Beerdigungen schwarz und aus Crêpe-Satin oder ähnlichen Stoffen. Durch den Verlust von Ehemännern und Söhnen in den Weltkriegen trugen die Frauen dann später überwiegend schwarz. Das oft seidene Schultertuch und die kunstvoll gebundene Schürze gehörten ebenfalls zum Outfit. Noch beliebter als die Seidentücher waren Tücher aus Lyoner Tüll, die geschmeidiger waren und sich der Figur der Frauen gut anpassten.

Die Markgräfler Männertracht



Die Männertracht entwickelte sich parallel. Ursprünglich trugen die Männer braunrote Kniehosen, blaue Strümpfe und scharlachrote Westen. Im 19. Jahrhundert setzte sich – inspiriert von der französischen Mode – auch hier die langen Hosen durch, oft in Kombination mit einer schwarzen Samtweste und einem Zylinder oder Hut.

Jacke/Rock: Meist schwarzer Gehrock oder Jacke, oft mit Weste (Gilet) getragen.

Hose: Früher braunrote Kniehosen aus Zeug, später dunkle lange Hosen.
Kopfbedeckung: Schwarzer Hut mit breiter Krempe oder ein Zylinder. Bei der älteren Männertracht zu Hebels Zeiten war der Dreispitzhut sehr häufig vertreten.

Farben: Überwiegend schwarz, braunrot oder grau

Rückgang und Trachtenpflege



Bis in die 1930er Jahre war die Tracht im Alltag und zu Feiertagen im Markgräflerland noch präsent. Doch mit der Modernisierung, geänderten Arbeitsweisen und dem Aufkommen der Modeindustrie verschwand sie aus dem Alltagsleben. Besonders in den 1950er/60er Jahren ging der Gebrauch stark zurück. Praktische Gründe wie beispielsweise das Autofahren mit der ausladenden „Hörnerkappe“ spielten dabei sicher auch eine Rolle. Heute wird die Tradition der Markgräfler Tracht aktiv von Trachtenvereinen und -gruppen gepflegt und bei vielen Anlässen wie Weinmarkt-eröffnungen, Hebelfesten oder Umzügen werden die Trachten noch immer getragen. So ist sie bis heute ein anschauliches Identifikationsmerkmal des Markgräflerlands geblieben.

Vom „Letsch“ zum Schmetterling



Die Entwicklung der Hörnerkappe ist ein Paradebeispiel für eine „modische Überfrachtung“ im 19. Jahrhundert:
Um 1760/1800: Die Vorläuferin der Hörnerkappe war die Vreneli-Kappe, eine schlichte, enganliegende Haube mit einer kleinen, weichen Schleife am Hinterkopf, dem sogenannten „Letsch“.
Um 1835: Die Geburtsstunde der eigentlichen „Hörnerkappe“. Die Schleife wanderte vom Hinterkopf immer weiter nach oben Richtung Scheitel und wurde durch Draht verstärkt.
1839: Der französische Dichter Victor Hugo bereiste das Markgräflerland und beschrieb die Kopfbedeckung beeindruckt als einen „großen, schwarzen Schmetterling“, der auf den Köpfen der Frauen zu sitzen schien.
Um 1890: Die Kappe erreichte ihre maximale Größe und die heute bekannte, starre Form.

Symbolik und soziale Bedeutung



Die Hörnerkappe war primär eine evangelische Tracht. Während katholische Trachten in benachbarten Regionen (wie dem Breisgau) oft farbenfroher waren, drückte das Schwarz der Markgräfler Kappe protestantische Ernsthaftigkeit aus – ein Ansinnen, das jedoch durch die schiere Größe und die teure Seide wieder zunichte gemacht wurde. Da für eine Kappe mehrere Meter teuerstes Seidenband benötigt wurden, war sie ein echtes Statussymbol. Je ausladender die Kappe und je feiner die Fransen, desto wohlhabender war die Familie.

Sprichwörtlich…

…„Anbändeln“

Junge, unverheiratete Frauen trugen die Hörnerkappe mit einer besonders großen, akkurat gebundenen Schleife und zwei langen Zöpfen, in die lange schwarze Seidenbänder eingeflochten wurden. Damit wurden ihre Jugend und Heiratsfähigkeit angedeutet und zum „Anbändeln“ aufgefordert.

… „Unter die Haube“

Der Redewendung „unter die Haube kommen“ – heute Synonym für das Heiraten – stammt aus der Zeit der Trachtenkappen. Nach der Hochzeit, bei der die Haare von der Braut zum letzten Mal offen getragen wurden, verschwanden sie unter der Haube – das hieß „Finger weg“ für Rivalen.

Dr. Andrea Kühne

Jubiläen

Markgräfler Trachtenverein Kandern e.V. feiert 40-jähriges Bestehen

Geschichte und Ausrichtung

Der Markgräfler Trachtenverein Kandern e.V. wurde 1986 in Kandern gegründet, um dem Verschwinden der traditionellen Markgräfler Tracht entgegenzuwirken. Über 30 Gründungsmitglieder folgten dem Aufruf, darunter der erste Vorsitzende Fred Wehrle, der maßgeblich zur Belebung der Trachtenkultur beitrug. Der Verein setzt sich für die Erhaltung, Pflege und Förderung des bodenständigen Volkslebens ein, das sich in Tracht, Lied, Musik und kirchlichem Brauchtum äußert. Ziele des Vereins sind die Pflege des Kulturguts, die Erhaltung der Trachtenvielfalt sowie Aktivitäten wie beispielsweise die Teilnahme an Festumzügen und die Organisation lokaler Veranstaltungen. Am 13. März 1988 wurde der Verein in den „Bund Heimat und Volksleben e.V.“ aufgenommen.

40-jähriges Jubiläum

Der Markgräfler Trachtenverein Kandern e.V. feiert am 6. und 7. Juni 2026 sein 40-jähriges Bestehen.

Programm

Das Programm bietet eine Mischung aus geselligem Brauchtum und offiziellem Festakt. Am Samstag, den 6. Juni beginnt um 19.00 Uhr der Heimatabend im Bibilis-Saal, Kandern.
Ein Abend mit „viel Programm und toller Stimmung“, bei dem die Trachtenkultur durch Vorführungen und Musik gefeiert wird.
Am Sonntag, den 7. Juni startet der Kreistrachtentag mit einem Festgottesdienst um 10.00 Uhr in der evangelischen Stadtkirche Kandern. Im Anschluss findet ein offizieller Empfang der Trachtenabordnungen aus dem gesamten Landkreis Lörrach statt. Ein Apéro im Bibilis-Saal rundet den Tag bis ca. 15.00 Uhr ab. Die Bevölkerung ist herzlich eingeladen.

Parallel zum Vereinsjubiläum finden in Kandern am 6. Juni auch der traditionelle Kleintiermarkt und das Alfred-Richter-Gedächtnisturnier statt, was für eine belebte Atmosphäre in der Stadt sorgt.

Information und Kontakt

Markgräfler Trachtenverein Kandern e.V.
Michael Schmidt (1. Vorsitzender)
Thomas Hofer (2. Vorsitzender)
info@markgraefler-trachtenverein-kandern.de

Arbeitskreis Heimatpflege Auggen e.V.

Geschichte und Ausrichtung

Der im Jahr 1976 gegründete Arbeitskreis Heimatpflege ist eine tragende Säule im dörflichen Leben der Winzergemeinde Auggen und engagiert sich aktiv für die Bewahrung der kulturellen Identität, der Traditionen und des Ortsbildes. Der Verein trägt zur Pflege und Verschönerung des Ortes bei, beispielsweise durch Projekte wie die Sanierung lokaler Brunnen oder durch Baumpflanzungen. Er bewahrt regionale Traditionen, die besonders in der alemannischen Region verwurzelt sind und stärkt das Gemeinschaftsleben durch ehrenamtliches Engagement. Das Vorzeigeprojekt des Vereins ist die ca. 25 Personen umfassende Trachtengruppe, die 2027 ihr 40-jähriges Jubiläum feiern wird. Sie repräsentiert den Ort bei wichtigen Ereignissen wie Winzerfesten, Weintagen, Umzügen oder offiziellen Empfängen.

50-jähriges Jubiläum

Der 50. Geburtstag des Arbeitskreises wird am 5. Juli, um 10.15 Uhr im Rahmen eines Festgottesdienstes mit Streichorchester in der Auggener Kreuzkirche gefeiert. Neben der eigenen Trachtengruppe werden weitere Trachtenvereine aus dem Markgräflerland erwartet. Im Anschluss ist die ganze Gemeinde zu einem Umtrunk mit Sekt und Fingerfood eingeladen.

Information und Kontakt

Arbeitskreis Heimatpflege Auggen e.V.
Friedrich Kuhn (1. Vorstand / Bild Mitte)
Tel. 07631/2281
Gerda Reinecker (2. Vorständin / Bild rechts)

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© Markgräfler Trachtenverein Kandern e.V.

Hörnerkappe

Anatomie

Eine klassische Hörnerkappe besteht aus mehreren, aufeinander abgestimmten Einzelteilen.

Das Käppchen (Boden): Ein winziges, aus Ripsband bestehendes Haubenteil, das nur dazu dient, den Dutt (Drüller) am Hinterkopf zu umschließen. Es wird mit Nadeln im Haar befestigt.

Die Schleife (Schlupf): Das markanteste Merkmal. Ein bis zu vier Meter langes, schwarzes Seidenband (Ripsband) wird kunstvoll zu einer Schleife gelegt.

Die Hörner (Flügel): Damit die Schleife ihre typische Form behält und nicht in sich zusammenfällt, ist sie durch feine Drahtgestelle versteift. Die Spannweite dieser „Flügel“ kann bis zu 50 cm betragen.

Die Fransen: An den Enden der Schleife hängen lange Seidenfransen herab, die das Gesicht der Trägerin einrahmen. Sie wurden aus dem Band gefertigt, in dem man die Schussfäden aus dem Band herauskämmte. Diese Fransen galten als besonders kostbar und waren ein Zeichen von Wohlstand.

Die Hörnerkappe als „Wirtschaftsförderungs-Instrument“:

Wie ein Kopfschmuck die Bandindustrie im Markgräflerland prägte

Die Hörnerkappe im Markgräflerland war nicht nur ein modisches Statement, sondern ein wesentlicher wirtschaftlicher Treiber für die regionale Textilindustrie. Für eine einzige, prächtig ausgestattete Hörnerkappe wurden mehrere Meter hochwertigen Seidenbands benötigt. Durch die Weiterentwicklung der „Letsch“ zur „Hörnerkappe“ stieg der Bedarf an diesen Bändern enorm an. Dies förderte die Entwicklung der Bandweberei, insbesondere im Raum Lörrach und Kandern. Die Bandindustrie im Markgräflerland fand mit der Hörnerkappe einen perfekten Absatzmarkt.

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